STEMPELBILDER, 2017

Matthias Garffs Stempeldrucke sind Malerei mit anderen Mitteln. Obwohl dem Hochdruck ähnlich, ist der Stempeldruck kein Druckverfahren im Sinne einer Vervielfältigung, sondern von Hand ausgeführter Farbauftrag auf ein Medium – mittels Formteilen, statt Pinsel. Keimzelle dieser Arbeiten ist eine kleine Holzkiste. Ein Flohmarkt-Fundstück, 26 x 19 x 10 cm, innen praktisch segmentiert, enthält sie einen Einschub für Aquarellpapierzuschnitte, Halterungen für 5 Fässchen mit farbigen Schellack-Tuschen, Arretierungen für einiges Zubehör und einen Datumsstempel. 

Dieser Kasten begleitet den Künstler seit geraumer Zeit wie eine Werkzeugkiste und damit dokumentiert er auf bildkünstlerische Weise seinen Alltag. Das Blatt misst 10 x 20 cm und das aufgestempelte Datum ist Titel des Werkes. Diese Notizen aus dem ›mobilen Atelier‹ sind allerdings keine persönlichen Tagebucheintragungen sondern zeigen in abstrahierender wie emotionaler Art seine Beschäftigung mit Charakter und Modus, einzeln oder gruppenspezifisch geprägt, und den Ausdruck von Beziehung und Singularität. Die seriellen Motive agieren in einem streng festgelegten Muster. Es sind jeweils fünf Türme auf jedem Blatt, vielleicht fünf Menschen oder schematisierte Kreaturen, alle addiert aus den gleichen streng geometrischen Grundformen: Quadrat, Dreieck, Rechteck, Trapez, und alle aufgebaut aus fünf Teilen: ein Fuß oder Sockel, ein dreiteiliger Rumpf und ein Kopf, eine Kuppel oder Krone – je nach Lesart der Geschöpfe. So stehen sie in Reihe und berühren sich nicht. Die Wahl von Form und Farbe jedoch, die Bewegungsneigung und die variierende Addition der Elemente, ihr Körperschwerpunkt und ihre Fragilität verweisen auf verborgene Einflüsse und machen den Unterschied zum Thema. 

Der selbstgewählte, formal enge Spielraum dieser Arbeitsserie erweist sich im Detail als extrem beweglich. Addition und Variation als Entstehungsprinzip erinnern an den menschlicher Bauplan, an einen genetischen Code, an Matrix und Modul und schließlich an das Machbarkeitsprinzip – fast ein leichthändiger Schöpfungsgedanke, fast ein Prometheus-Habitus, fast ein Bekenntnis zum Homo Faber.
—Von Tina Simon 

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Dr. phil. Tina Simon
Autorin und Publizistin, Leipzig 


HOMO ERECTUS, 2014

Von fliegenden Hummeln über Darstellungen von Vögeln und überlebensgroßen Primaten bis hin zu einer ausgestorbenen Urform des Menschen, dem Homo erectus, reicht der Figurenkosmos von Matthias Garff. Sein Interesse an Naturvorgängen und unseren tierischen Nachbarn begann schon in der Kindheit und bestimmt nun sein künstlerisches Werk.

Garff arbeitet an einer Menagerie der besonderen Art und reflektiert dabei das Verhältnis des Menschen zum Tier und zur Natur allgemein. Damit begibt er sich auf tief ausgetretene Pfade, denn das Tier als Motiv der Kunst findet sich seit den frühesten Bildäußerungen, wie den steinzeitlichen Höhlen von Altamira und Lascaux, in allen Epochen. Das Verhältnis des Menschen zum Tier wird von Zuschreibungen und Projektionen bestimmt. Wir schauen Tiere nicht nur wegen ihrer Schönheit, Niedlichkeit oder Hässlichkeit an. Wir beobachten sie ohne sie durchschauen zu können und machen aus ihnen Ebenbilder oder Spiegel unserer Selbst. Diesen Phänomenen geht Matthias Garff nach. Wenn er tierische Verhaltensweisen mit unterschiedlichen Charakteren verbindet und sie in der Materialität und Gestaltung verdeutlicht oder seine Figuren zu Gruppen formiert, die sozialen Gefügen gleichen, erinnern seine Arbeiten an Fabeln. Manche seiner Skulpturen geraten zu Mischwesen zwischen Tier und Mensch, wie der hoch aufragende Schimpanse aus der Serie Altweltaffen, der eher einer Schimpansenhülle gleicht, als der naturgetreuen Nachbildung des Tieres. Überhaupt ist Garff kaum an einer realistische Abbildung interessiert. Grob zusammengeschraubt, geklebt oder genagelt, lässt er seine Geschöpfe aus gefundenem Material entstehen, wobei er diesen Entstehungsprozess selbst nachvollziehbar macht und die jeweiligen Materialästhetik bewusst als Gestaltungsmittel nutzt. Wie unvereinbar die Kunst und die Natur letzlich bleiben, führt er in seinen Videoarbeiten wie dem Argentinischen Garten vor. Hier konfrontiert er die realen Tiere unmittelbar mit seinen Schöpfungen und stößt vor allem auf Ignoranz und Desinteresse der Tiere an ihren künstlichen Ebenbildern. Im Gegensatz zu uns braucht das Tier weder den Menschen noch die Kunst.

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Katalogtext von Susanne Greinke zu
Matthias Garff „Homo erectus“
Galerie Brüderstraße, Görlitz, 2014